Über das Deck
Nachfolgend meine Rezension des Decks "Druid Craft - Das Druiden-
und Wicca-Tarot", erschienen September 2005 in der Zeitschrift
"Zukunftsblick" :
Das DruidCraft-Tarot gehört zu jenen inzwischen recht zahlreich
vorhandenen Decks, deren traditionelle Basis durch heidnische Interpretationen
erweitert wurde. Im vorliegenden Fall sind es vor allem die Kelten und
das Druidentum, die den Autoren Philip und Stephanie Carr-Gomm sowie
Maler Will Worthington als Grundlage gedient haben. Dies ist nur natürlich,
wenn man bedenkt, dass alle drei Künstler selbst Mitglieder des
"Ordens der Barden, Ovaten und Druiden" sind, der seine Basis
in Großbritannien hat und international zu den größten
Druiden-Vereinigungen zählt. Was zugleich bedeutet, dass sich das
Deck in seinen Aussagen über das druidische Heidentum und in seiner
Authentizität wohltuend von vielen anderen, eher oberflächlich
angelegten, heidnischen Tarotdecks abhebt.
Die künstlerische Umsetzung und Tiefe der Karten ist ganz besonders
bemerkenswert. Schon beim ersten Durchsehen des Decks fällt die
Farbintensität und hohe atmosphärische Dichte der Illustrationen
ins Auge. Es liegt etwas in der plastischen Art der Bilder, das den
Betrachter unmittelbar mitnimmt in das abgebildete Geschehen und die
ursprüngliche Kraft und Naturverbundenheit des Heidentums fast
sinnlich spürbar und erlebbar macht.
Die Figuren sind fast alle in Momentaufnahmen gemalt, nicht statisch,
sondern bei Handlungen aus dem Leben der Kelten. Diese Handlungen sind
natürlich frei erfunden, aber laut den Autoren sehr wahrscheinlich.
Manchmal wirken die Bilder etwas märchenhaft und auch grob. Ein
Eindruck, der sicherlich auch durch die eine oder andere etwas ungelenke
perspektivische Verschiebung bei den Menschenkörpern entsteht.
So sind in den meisten Fällen die Hände und Füße
der dargestellten Figuren in Relation zum Restkörper zu groß
geraten. Diese kleinen, künstlerischen Schwächen beeinträchtigen
jedoch die Ausstrahlung des Decks nicht sonderlich und werden durch
die ungewöhnlich feine und ausdrucksstarke Darstellung vieler Gesichter
und die satten, lebendigen Farbkombinationen auf den Karten wieder wett
gemacht.
Auch wenn in Buch und Bildern das Wissen über die heidnischen
Elemente der Karten zweifelsohne fundiert ist, so lässt leider
die Genauigkeit zu wünschen übrig, mit der die beiden Autoren
über die Tarotgeschichte schreiben: P. und S. Carr-Gomm pflegen
da einen eher romantisierten Blick auf "alte Mysterien" als
die Wiedergabe historisch erwiesener Tatsachen, wenn sie unter anderem
behaupten, dass das Tarot in seinen Anfängen von "Volksmagiern"
verwendet wurde und dass Tarot im 15. Jahrhundert unter dem Einfluss
von Philosophen und esoterischen Lehrern entstand. Laut heutigem Wissensstand
war Tarot damals vor allem ein Gesellschaftsspiel und nichts deutet
darauf hin, dass es vor dem 18. Jahrhundert je als Wahrsagespiel oder
Träger alter Mysterien angesehen wurde, auch wenn dies natürlich
als Möglichkeit nicht ausgeschlossen werden kann.
Diese Ungenauigkeiten sind zwar der einzige Schwachpunkt, der im Buch
festzustellen ist, erinnern aber auch daran, dass es zu den Kelten nicht
viele Überlieferungen gibt, weshalb auch in den Darstellungen der
Karten die neoheidnische Vorstellung damaligen Lebens Vorrang hat.
Sehr beeindruckend ist jedoch das druidisch orientierte Konzept, das
für den gesamten Tarotzyklus entwickelt wurde und Erkenntniswelten
weit über die traditionellen Deutungen hinaus erschließt:
Die Autoren verstehen den Tarot als Begegnung der inneren und äußeren
Welten. Um bis zu den Mysterien der inneren Welten vordringen zu können,
muss man erstmal die äußeren Welten durchdrungen haben. Diese
werden in den kleinen Arkana dargestellt, die sämtliche Jahreszeiten
durchlaufen und Ereignisse und Fortschritte des eigenen Lebens auf dem
Zeitstrahl zeigen. Dies alles wird durch die persönliche Prägung,
als den Charakter des Menschen aufgenommen, im Tarot dargestellt durch
die Hofkarten, durch die die inneren Bilder (große Arkana) in
die äußeren Welten des Menschen (kleine Arkana) fließen
können.
Die 22 großen Arkana schließlich stehen für die inneren
Mysterien, die universellen Weisheiten, dargestellt in der Vereinigung
von Gott und Göttin, durch die das Universum in die Welt aus Raum
und Zeit (kleine Arkana) hineingeboren wird.
Die alchimistische Hochzeit ist das Leitmotiv des gesamten Decks und
findet besonders in den 22 Trümpfen viel Aufmerksamkeit. Die Vereinigung
von Gott und Göttin und ihre Trennung und Wiedervereinigung als
Grundenergie, die die Welt stofflich macht, wird zum Beispiel durch
Karten wie "die Liebenden", "Cernunnos" oder "Fferyllt"
sehr schön veranschaulicht. Die Trennung wiederum spiegelt sich
in Trümpfen wie z.B. der "Tod" wider.
13, Der Tod
ist hier eigentlich "die Todin", und eine der eindringlichsten
Darstellungen des Trumpfes 13 überhaupt: Es ist Samhain und wir
sehen den dunkeln Aspekt der dreifaltigen Göttin - die Alte Weise
oder "Cailleach". Der Kessel im Vordergrund zieht schon die
bildliche Verbindung zur darauf folgenden Karte "Fferyllt"
und steht für Wiedergeburt.
Tod wird hier nicht als Ende, sondern als Transformation gesehen. Dennoch
ist dies oft mit Ängsten verbunden. Die Karte hat eine reinigende
Wirkung und bedeutet, dass etwas losgelassen werden muß oder kann,
was noch im Wege steht. Die Autoren heben hierbei besonders die Verbindung
von Sexualität und Tod hervor. Sie schreiben: "Heftige Affären
oder intensive, erotische Leidenschaft können uns geradezu aufreißen,
was uns hilft, unser Ego oder starre Strukturen unserer Persönlichkeit
sterben zu lassen. Es ist eine geheimnisvolle Verbindung, die da zwischen
der Sexualität und dem Tode besteht". In der Quintessenz sagt
diese Karte uns: "Das Alte und Überholte möchte sterben.
Das Neue macht sich bereit, sich wie eine Rose zu öffnen in der
Dämmerung eines neuen Tages."
14, Fferyllt
Dieser Trumpf heißt in traditionellen Decks zumeist "Mäßigkeit"
oder "Kunst" und der ihr zugrunde liegende Gedanke der harmonischen
Vereinigung von Gegensätzen berührt auch den Kern vom DruidCraft-Tarot:
Die Zusammenführung von Gott und Göttin und die Möglichkeit,
durch die Arbeit mit Tarot verschiedene Elemente des Selbst wieder miteinander
zu vereinigen, nennen die Autoren einen alchimistischen Prozess. Um
diesen Hintergrund der Karte auszudrücken, wurde sie nach druidischen
Alchimisten des 19. und 20. Jahrhunderts "Fferyllt" genannt.
Dargestellt wird Brighid, die als Göttin des Feuers und der Heiligen
Quelle oder auch als "Fferyllt" die Kraft von Feuer und Wasser
zusammenfügt. In der Deutung orientiert sich die Karte an der Tradition
und steht für erfolgreiche, kreative Prozesse, Harmonie und das
Gefühl inneren Friedens, weil sich die innere und äußere
Welt in Balance befinden.
6, die Liebenden
Die Liebenden liegen auf dem Jahreskreis dem Tod genau gegenüber.
Ein weiterer Hinweis auf die enge Verbindung zwischen Sexualität
und Tod: "Wir sterben, weil wir geboren wurden, und geboren werden
wir als Folge sexueller Bedürfnisse. Diese Dinge sind untrennbar
miteinander verwoben", meinen die Autoren. Die Liebenden feiern
das Leben und die Vereinigung. Nun ist Beltane, alles steht in voller
Blüte und der große Ritus der Vereinigung von Gott und Göttin,
der traditionell an Beltane gefeiert wurde und in dieser Karte illustriert
ist, ist zugleich Symbol für die romantische Liebe zweier Menschen.
Der Trumpf zeigt die Begegnung mit der Liebe als Herzstück des
Lebens. Und zum Kern der Liebe gehört es, eine Wahl zu treffen
und ihr dann treu zu bleiben. "Liebe erfordert Hingabe, und Hingabe
erfordert eine Wahl". Die Karte deutet immer auf eine Liebesbeziehung
hin - entweder der Vergangenheit, Gegenwart oder Zukunft. Und immer
auf eine Wahl, die man treffen muss, in dem man sich auf jemanden festlegt,
sich zu jemandem wirklich bekennt.
Fazit:
Die Bilder sind intensiv und sehr schön gemalt, das ganze Tarot
gründet auf einem komplexen und außerordentlich durchdachten
System, das auf Neodruidischer/Wicca'scher Weltsicht basiert und sich
sowohl in den Karten als auch im Buch harmonisch und verständlich
widerspiegelt. Die beschreibenden Texte zu den 78 Karten bieten sehr
fundierte, hintergründige Erklärungen zu den Abbildungen an
und geben zugleich eine umfassende Einführung in die heidnische
Weltsicht. Das Arbeiten und Legen mit den Karten ist dann noch mal ein
Stück intensiver. Für Tarotanfänger wegen der tiefgründigen
Bilder und Texte ein ziemlicher Brocken, es sei denn, sie haben bereits
eine starke Affinität zum Heidentum. Für Taroterfahrene mit
Interesse oder Glaubensrichtung im Bereich Heidentum oder Heiden mit
Interesse am Tarot eine nicht enden wollende Quelle der Begeisterung
und absolut empfehlenswert!
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